Das Paradoxon

19. Juni 2017, 18:47 Uhr

Neulich in ‘ner Sekunde
die schien wie ‘ne Stunde,
da sah ich von weitem,
das Paradoxon streiten
und ich hörte es sagen:
“Niemand kriegt mich ertragen,
keiner kriegt mich tariert
und in sich plaziert.
Das Hirn auf Rechthaben schalten,
Gefühle festgehalten,
nur Glutamat, Aspartam,
Mehl und Zucker im Darm.
Ob Angriff, ob Flucht,
Abstinenz oder Sucht,
ob depressiv oder manisch,
resigniert oder panisch,
ob nun Fluchtmanie
oder Flugphobie.
Gefühle überdosiert
oder wegmoderiert,
Kopf voll und Bauch leer
oder umgekehrt.
Das kenn’ ich alles schon”,
sagt das Paradoxon.
Mit dem Fokus auf schlecht
hat jeder Pessimist recht.
Ihr habt die Mitte verschoben,
ins entweder-oder.
Entweder Sex oder Liebe,
Gefühl oder Triebe,
euch geht’s gut oder schlecht,
er oder sie hat recht.
Mit der Verdrängung im Ranzen
macht ihr nichts halbes, nichts ganzes.
Nicht ganz anfassen.
Nicht ganz loslassen.
Sich im Wege stehn,
aber nicht in die Augen sehn.
Der Kühlschrank gefüllt,
der Durst nie gestillt.
Mutter zu Hause verflucht,
in der Beziehung gesucht.
Dem anderen Liebe geben,
aber dafür Zinsen nehmen.
Der wunsch man möge mich sehen,
aber nie aus dem Fenster lehnen.
Mich über Misstraun beschwern,
aber die Türen absperrn.
Den Tod hinter den Schrank
und vor’m leben Angst.
Die Angst aber, versteckt im Schoß,
wird dann riesengroß.
Alles bloß lassen wie’s ist!
Aber nichts mal lassen wie’s ist.
Von Lust auf Heimat getrieben,
aber nirgends geblieben.
Vom Theaterspielen müde,
aber nie auf die Bühne.
Und dann dreht es sich um
und schreit zu mir stumm:
“Lernen ist ‘ne Spirale,
der Weg das Finale,
dein Planet ist gelieh’n,
und Spaß Medizin.
Der Bogen heißt Mut,
spür’ dein Wissen im Blut.
Nimm die Absicht in den Pfeil
und begrab das scheiß Beil,
denn zwischen Kopf und Bauch
liegt sowohl als auch.

Der Tellerrand beginnt
bei meinem Herz.
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